Chaos

Lebenskrisen dialektisch betrachtet

In der Psychotherapie spielt die dialektische Sichtweise eine wichtige Rolle. Dialektik befasst sich kurz gesagt mit Wiodersprüchen, Bewegung und Entwicklung.
Eine dialektische Sicht kann unserem Leiden, kann unseren Krisen einen Sinn geben und Hoffnung erschaffen.
Kurz: wenn ich die Krisen meines Lebens, meiner Gefühle oder meiner Beziehungen dialektisch betrachte, eröffne ich die Chance, nach der Krise besser zu leben als vorher. Ich sollte nicht alles daransetzen, den krisenhaften Zustand so schnell wie möglich zu beenden, um dann wieder zum vorherigen Zustand zurückzukehren.
Wäre der vorherige Zustand ideal gewesen, hätten wir jetzt keine Krise.

Den Zyklus des krisenhaften Ablaufs kann man in drei Phasen einteilen. Die absolut längste und von vielen nicht bemerkte Phase ist die des erheblichen Widerspruchs.

Der erhebliche Widerspruch

Wir leben meist ein Leben, welches nicht ideal zu nennen ist. Viele unserer Lebensumstände passen nicht zu unseren Bedürfnissen, zu unserem Wesen. Dadurch entstehen Widersprüche, die wir unterschiedlich gut aushalten oder bewältigen können. Viele von diesen beeinträchtigen zwar unser Wohlbefinden, sind aber akzeptabel und können kompensiert werden (beispiesweise eine ungeliebte Arbeit durch ein erfüllendes Hobby).
Andere sind erheblich. Sie sind potenziell instabil, erzeugen größeres Unglück, welches sich auf Dauer eben nicht so einfach kompensieren lässt.
Solche erheblich widersprüchlichen Lebensumstände können nur entstehen und erhalten werden dadurch, dass wir ein festes System im Kopf haben, nach dem wir die Welt und unseren Platz in ihr bewerten, nach dem wir Dinge zuordnen. Man kann das auch die innere Ordnung der Dinge nennen. Diese innere Ordnung nun ist nicht nur das Produkt unseres bisherigen Lebens – sie hält dieses Leben auch dann fest, wenn es uns innerlich elend macht.
Wir quälen uns mit einem derart erheblichen Widerspruch so lange, bis wir ihn nicht mehr aushalten oder kompensieren können.
Und dann überfällt uns zum ersten mal etwas, das wir als Krise erkennen und spüren können: Die Phase des Chaos.

Das Chaos

Diese zweite Phase einer Krise wird in der Psychotherapie verschieden bezeichnet. Beispielsweise als Verstörung oder Erschütterung. Wird sie besonders heftig, kann sie sich sogar zu einer Psychose auswachsen.
In dieser krisenhaften Phase wird die innere Ordnung der Dinge tief erschüttert. Wir verlieren die bisher geglaubte Sicherheit, unsere Gefühle fahren Achterbahn, und wir wissen kaum noch, was gut und böse, was richtig und falsch ist.
So unangenehm sich diese zweite Phase auch anfühlen mag, beinhaltet sie eine unerhörte Chance: sie zerstört alle Gewissheiten, alle inneren Ordnungsprinzipien, welche uns an unser bisheriges Elend gebunden haben.
Diese als furchtbar und belastend erlebte Krise eröffnet die Möglichkeit, dass wir unsere inneren Fesseln abstreifen und uns ein Leben schaffen, welches besser zu unserem Wesen passt.

Die neue Ordnung

Gelingt es uns, das Konzept unseres bisherigen Lebens in Frage zu stellen und uns auf einen Weg zu begeben, der den erheblichen Widerspruch aufgelöst hat, dann können wir eine neue innere Ordnung der Dinge erschaffen, welche den erheblichen Widerspruch überwunden und Sicherheit und Stabilität auf einer neuen, gesünderen Ebene verspricht.

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