Zwangsgedanken

Moral ist für die Gemeinschaft eine wunderbare Sache. Jeder hat eine Orientierung, weiß im Zweifelsfall wie zu handeln ist. Moralische Grundsätze sind der nichtstoffliche Kit eines Gemeinwesens.

Unglücklicherweise kann Moral auch zerstörerische Züge annehmen. Sie bestimmt, wer dazugehört und wer ausgestoßen wird. Ein Verstoß gegen die Moral bedroht das Gemeinwesen und muss hart geahndet werden. Wer sich moralisch im Recht glaubt, kennt keine Grenzen dafür, was seinen Mitmenschen angetan werden darf. Der Denunziant wähnt, die Gemeinschaft vor Schaden zu schützen und verrät seinen Nächsten, andere Menschen schrecken sogar vor Gewalt nicht zurück – im Namen des Guten.

Moral hat also eine Licht- und eine Schattenseite. Sie schafft sowohl friedliches Miteinander als auch die fanatische Rechtfertigungen aller möglichen Schweinereien. Sie verbindet und unterdrückt. Ein Verstoß gegen moralische Prinzipien birgt die Gefahr der Ausgrenzung mit sich und versetzt uns Menschen in Angst oder Wut – je nachdem…

Die Landschaft der menschlichen Seele gleicht der Außenwelt, welche von Menschen geschaffen wurde. Menschen mit rigiden Moralvorstellungen führen nicht nur einen erbitterten Kampf gegen die „Schädlinge“ der menschlichen Gemeinschaft – sie bekämpfen ebenso erbittert die „Schädlinge“, welche sie in ihrem Inneren vermuten. Intoleranz im Innen und Außen.

Auch wenn es manchmal anders scheint – Menschen, welche intolerant gegenüber ihren Mitmenschen sind, zeigen dieselbe Strenge auch gegen sich selbst. Schädliche Subjekte müssen politisch unterdrückt, schädliche Impulse und Gedanken müssen unbedingt aus dem Inneren entfernt werden.

Das Eine wie das Andere ist eine Illusion, welcher viele Menschen anheimfallen.

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Unser großer Aufklärer Lessing hat ein Stück geschrieben, dessen Titelfigur – Emilia Galotti – nach bester Familientradition von bürgerlicher Moral geradezu besessen ist. Als sie von einem Prinzen umworben wird, bittet sie ihren Vater darum, sie zu töten; zu sehr fürchtet sie, die in den Schatten gedrängte Begierde nach dem attraktiven und adligen Mann würde sie aus der Finsternis heraus überwältigen. Die Angst davor, gegen ihre Moral zu verstoßen ist größer als die vor dem Tode.

Ein solch extremer Konflikt endet im Stück mit der Vernichtung des Individuums, denn auch der liebende Vater setzt die Moral höher an als das Leben seiner Tochter.

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Möglicherweise hat Lessing das Handeln der Emilia als Vorbild schildern mögen, als inspirierter Künstler aber nicht übersehen können, dass sich eine so rigide Moral nicht mit dem Leben vereinbaren lässt.

Was Lessing in den pathetischen Farben eines Trauerspieles erscheinen lässt, sehen wir bei Shakespeare im grellen Licht der Satire. Hier ist es der Statthalter Lord Angelo (zu deutsch: Lord Engel), der ein ganzes Herzogtum zum Abbild seines inneren Unterdrückungskampfes machen möchte. Wegen seiner vorbildlichen moralischen Ideale vom Herzog zu seinem Stellvertreter erkoren, bildet er die Gesellschaft so um, dass sie ganz ebendiesem Ideale entsprechen solle. So sehr er sich im Inneren kasteit, so sehr terrorisiert er auch die Menschen um sich herum. Und wie alle Menschen, so hat auch er eine Schattenseite: gerade diejenige sexuelle Begierde, die er in der Gesellschaft vernichten möchte, überfällt ihn hinterrücks. Machtlos ist der Mächtige seinem eigenen Schatten ausgeliefert, jede Hemmung lässt er fallen, um die Unerreichbare zu zwingen.

Oder denken wir an den Cavaliere Ripafratta aus Goldinis Stück „Mirandolina“. Eingeschworener Frauenfeind, der er ist, verfällt er einer charmanten Wirtin und macht buchstäblich einen Narren aus sich – er wird zu dem, was er bisher immer verspottet hatte.

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Wir alle haben Seiten an uns, die wir nicht mögen oder nicht wahrhaben wollen. Das allein ist keine Schande. Es ist der Umgang, welchen wir mit unseren ungeliebten inneren Reisegefährten pflegen, der den Unterschied macht. Dieser Umgang kann uns in den Tod, das Verbrechen oder die Lächerlichkeit stoßen, ganz so, wie es die drei oben erwähnten Dichter drastisch geschildert haben.

Oder er kann uns den Weg in eine Zwangserkrankung weisen…

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Wenn mich jemand nach einem einzigen Satz fragen würde, welcher das Wesen einer Zwangserkrankung beschreibt, so würde ich folgenden wählen: Wenn die inneren Impulse einen Menschen derart entsetzen, dass er sie um jeden Preis zwingen will, dann entstehen krankhafte Zwangserscheinungen.

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Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit einer Zwangspatientin. Sie litt seit Jahren unter allen möglichen Zwängen. Besonders deutlich stachen zwei hervor.

Der erste bestand darin, dass sie Furcht hatte, allen Menschen zu verraten, wie mies ihr Vater sie während ihrer Kindheit behandelt hatte. Das ging so weit, dass sie sich immer mehr zurückzog und nichts mehr schreiben wollte, aus Angst, die Wahrheit über ihren Vater versehentlich auf Papier zu bringen.

Der zweite Zwang bestand darin, dass sie seit zwei Jahren kein Auto mehr gesteuert hatte, aus Angst ein Kind zu überfahren.

Wir sprachen lange über die realistischen Möglichkeiten, dass sie „Die Wahrheit“ versehentlich niederschreiben könnte – und vor allem aber sprachen wir über ihre Moralvorstellungen, von welchen sie keinen Millimeter abweichen konnte. So sei sie erzogen worden: mit festen Vorstellungen davon, was richtig und was falsch ist. Der Vater sei außerordentlich streng gewesen, und diese Strenge sich selbst gegenüber hatte sie als eine Art inneren Zensor für ihre Gedanken übernommen. Bisher hatte sich die Fünfzigjährige auch noch nicht mit ihrem Vater ausgesprochen, hatte es noch nicht vermocht, sich seiner Strenge aufrecht gegenüberzustellen.

Am Ende der Sitzung hielt sie es für eine gute Idee, eine Aussprache mit ihrem Vater herbeizuführen und zu akzeptieren, dass es in jedem Menschen Schattenseiten gibt, welche den eigenen moralischen Vorstellungen widersprechen. Sie schien etwas von ihrer inneren Strenge verloren zu haben.

Danach setzte sie sich zum ersten Mal nach so langer Zeit wieder ans Steuer eines Autos…

Nun schreibe ich hier nicht die Geschichte einer Wunderheilung – natürlich war sie nach einer einzigen Sitzung ihre Zwangserkrankung nicht los. Viel zu lange war der Zwang Gewohnheit, als dass er sich mit ein paar philosophischen Worten hinwegzaubern ließ. Er war eine Gewohnheit, welche in mühevoller Arbeit umgewöhnt werden musste.

Die erste Sitzung aber brachte den Zusammengang zwischen moralischer Strenge und einer Zwangserkrankung vom Unbewussten in das Licht der Bewusstheit und wurde so mit einer kleinen Linderung belohnt.

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Einmal durfte ich erleben, wie das Entstehen einer Zwangserkrankung bei rechtzeitigem Eingreifen verhindert werden konnte. Eine Frau – ebenfalls Anfang 50 – suchte meine Hilfe, weil sie seit zwei Wochen (!) von gewalttätigen Phantasien und Gedanken in Bezug auf ihre Tochter gequält wurde. Im Gespräch fiel mir auf, dass ich es mit einem Menschen zu tun hatte, der seine moralischen Grundwerte so ernst nahm, dass er sich für jeden unmoralischen Gedanken innerlich bestrafte. Auch hier half ein Gespräch über Schattenseiten jedes Menschen. Die Unterdrückung der „bösen“ Gedanken und Phantasien war glücklicherweise noch nicht so lange eingeübt worden, dass sie zu einem Zwang erstarren konnte.

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Ich erzähle in der Therapie gern folgende (wahre) Geschichte. Eines schönen Tages ging ich an einer Polizeiwache vorbei. Es wird wohl niemanden überraschen, dass mir dabei auch ein Polizeiwagen ins Auge fiel – eigentlich nicht der Wagen sondern eher die Polizistin, die sich von außen in den Wagen beigte. Von ihr sah ich auch nur so richtig den Hintern und die Pistole, welche etwas davon abstand und zum Greifen einlud. Ich hatte kurz ein Bild vor den Augen, wie ich mich der Pistole bemächtigte und davonlief. Damit einher ging das Wissen, mir mit einem solchen Spaß das Leben zu verderben oder es gar zu verlieren. Also führte ich diesen Impuls – wie so viele andere – nicht aus.

Interessant aber war mein nächster Gedanke:

Wenn ich unter einer Zwangserkrankung leiden würde, dann würde ich nie wieder diese Straße entlanggehen und um jeden Polizisten einen riesigen Bogen machen.

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Wenn Sie mich fragen würden, welche Strategie ich gegen Zwangsgedanken zuerst anwenden würde, dann die, sich nicht gegen solche Gedanken zu wehren oder sie gar unterdrücken zu wollen. Liebevolle Akzeptanz der eigenen Schattenseiten ist nicht nur ein allgemein sinnvolles Entwicklungsziel – für Menschen mit einer Zwangserkrankung kann sie die Tür in die Freiheit öffnen.

Und außerdem halte ich philosophisch inspirierte Gespräche über Fragen der Moral, über das Zuviel oder Zuwenig davon sehr hilfreich. Denn auch hier gilt es, das richtige Maß zu finden.

An dieser Stelle darf die Kunst nicht unterschätzt werden. Vor allem theatertherapeutische Ansätze können den Sinn für Ambivalenzen öffnen und den Patienten längerfristig einen Weg aus der eigenen Rigidität weisen.

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