Kann man denn Psychosen verstehen?

Ich lerne eine 82 jährige Dame kennen, die seit zirka 40 Jahren mit einer Diagnose der Schizophrenie leben muss. Die „Krankheit“ wird mit Olanzapin „behandelt“ – dass heißt: man möchte einer erneuten akuten Psychose vorbeugen. Die alte Dame leidet unter Gewichtszunahme und einem kürzlich aufgetretenen Diabetes. Beides könnte eine Nebenwirkung des Olanzapin sein.

Wenn wir uns unterhalten, sehe ich zwar Zurückgezogenheit und Misstrauen – aber keinerlei kognitives Defizit. Irgendwann fasst sie Vertrauen und erzählt mir die Geschichte ihres Leidens. Es hatte in den Wechseljahren begonnen, sie begann plötzlich zu halluzinieren und sah ihren Ehemann als leibhaftigen Teufel, mit Hörnern und allem was dazugehört. Ich frage sie, wie ihre Ehe war. Die Hölle, sagt sie. Aha.

Sie war bei dem Ehemann aus zwei Gründen geblieben. Erstens hielt sie sich seit ihrer Kindheit für hässlich und war froh, dass sie überhaupt einen Mann abbekommen hatte. Zweitens stimmte es mit ihrer Moral überein, das einmal gegebene Eheversprechen – bis dass der Tod euch scheidet – auch einzuhalten.

Dass hormonelle Veränderungen zu Psychosen führen können, ist der Schulmedizin schon lang bekannt. Solcherlei Psychosen werden als exogen betrachtet und verschwinden auch meist, wenn die körperliche Ursache beseitigt ist.

Die Erlebnisse, die sie aus der Psychiatrie beschrieb, darf man mit Recht als traumatisierend bezeichnen: Fixation, forcierte Medikation und natürlich die Überzeugung abnorm zu sein. Ist es eigentlich verwunderlich, dass eine Frau, die sich schon immer für hässlich hielt, eine schlimme Ehe hatte und sich zu allem Überfluss für abnorm hält, dass eine Frau mit all diesen Erfahrungen nicht so gern den Kontakt zu fremden Menschen sucht und längere Zeit braucht, um mit anderen Menschen „warm“ zu werden? Ist die „Abkapselung“ der Dame nicht vielleicht auch psychologisch verstehbar?

Die Wechseljahre – und damit der exogene Faktor ihrer Psychose – sind vorbei. Die Ehe auch. Man hat auch nicht den Eindruck, dass ihr Gehirn auf Grund einer geheimnisvollen Geisteskrankheit vor sich hin degeneriert. Könnte man ihr nicht vielleicht den Weg zurück ins Leben ermöglichen, indem man durch anderweitige Therapie Medikation überflüssig macht und mit ihr neue Wege zur Konfliktbewältigung entdeckt. Vielleicht kann sie auch aufhören, sich selbst zu marginalisieren…

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