Symptom im Kontext

Die im vorangegangenen Kapitel beschriebene Zerfahrenheit, die sich in der bemerkenswerten Frage äußerte, ob meine Eltern Kinder haben, sagt für sich genommen noch gar nichts aus. Solcherart „Fehlleistungen“ kommen auch bei „Gesunden“ vor, wenn sie müde, abgelenkt sind oder ihre Aufmerksamkeit aus anderen Gründen verringert ist.

Für sich genommen ist eine solche Frage noch lange kein Symptom. Wenn ein psychisch einigermaßen gesunder Mensch bei einer solchen Frage ertappt wird – oder sich selbst dabei ertappt – dann reagiert er darauf verunsichert, mit Humor oder mit Scham. Er „erwacht“ plötzlich und fragt sich vielleicht: „Was war denn das eben?“
Die Fähigkeit, das was in meinem Kopfe vor sich geht, zu relativieren, ist ein wichtiger Faktor bei der Stabilisierung meines psychischen Gleichgewichts. Im Volksmund sagt man vereinfacht: Solange ich noch Sorge habe, verrückt zu werden, ist alles in Ordnung. Ich würde noch dazufügen: solange aus dieser Sorge keine zwanghafte Idee wird.

Das ernsthafte Nicken der Frau auf meine Antwort war für mich ein Zeichen dafür, dass sie nicht „erwachte“, ihr die Zerrissenheit der Assoziation nicht bewusst wurde. Sie hielt ihre Frage offenbar für völlig normal und angemessen.
Und das wäre zum Beispiel ein Kontext, der nahelegt, dass eine psychische Erscheinung ein Symptom sein könnte.

Wie wir ein Kunstwerk als Ganzheit betrachten würden – oder sollten – so empfiehlt es sich auch bei psychopathologischer „Symptomatik“.

Ein Beispiel aus der Kunst?

Wann soll nach der Absicht des Dichters Goethes Faust spielen? Zur Zeit des Hans Sachs, weil ein großer Teil des Stückes in der Reimform des Fastnachtsspiels geschrieben ist? Im 17. Jahrhundert, weil Goethe manchmal den zu der Zeit beliebten Alexandriner verwendet? Oder im 18. Jahrhundert, weil die Gespräche im Auerbachs Keller ebenso auf Goethes Gegenwart hinweisen wie die Geschichte der Kindsmörderin oder die philosophischen Ideen, mit denen Faust und Mephisto uns beglücken?
Was bringt es, die stilistischen und inhaltlichen Atome einfach in einer Weise zu synthetisieren wie wir das bei psychopathologischen Symptomen zu tun pflegen?

Mit Allem, was wir von einem Menschen wahrnehmen, drückt sich das Innere dieses Menschen aus. Und wie beim Kunstwerk ist auch in der Psychopathologie das Ganze nicht einfach die Summe seiner Einzelteile.
Vielleicht können wir ja in einer Zerfahrenheit eine Symbolik entdecken, die Zusammenhänge zu anderen Wahrnehmungen möglich werden lässt.

Die merkwürdige Frage der alten Dame bringt Eltern und Kinder nicht in einen Zusammenhang wie es der Rest der Welt tun würde. Sie (also die alte Dame) ist sehr in sich zurückgezogen und kapselt sich von anderen Menschen ab.
Könnte es hier einen inneren Zusammenhang geben?

Eine solcher Zusammenhang würde allerdings die Doktrin von der Nicht-Verstehbarkeit endogener Psychosen über den Haufen werfen.

Und hier stellt sich noch eine ganz andere Frage:
Wie kann ein Untersucher, welcher Krankheiten aus ihren Einzelteilen synthetisiert, feststellen, dass der Geist eines Patienten zersplittert ist?

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