Die „Kunstkritik“ des zerfahrenen Denkens

Ich hatte vor einigen Tagen ein Gespräch mit einer Frau, die seit längerem mit einer Schizophrenie diagnostiziert worden war. Wir unterhielten uns über verschiedene Alltäglichkeiten. Dabei fragte sie mich nach meinen Eltern. Ich sagte zu diesem Thema einige Sätze, und sie fragte mich: „Und – haben sie Kinder?“ Die Frage, ob meine Eltern Kinder haben, überraschte mich so, dass ich ein feines Lächeln nicht unterdrücken konnte, antwortete dann aber ernsthaft: „Ja, mich und meinen Bruder.“ Sie nickte ebenso ernsthaft, hatte also Frage und Antwort wahrscheinlich nicht als ungewöhnlich empfunden.

Unser Gespräch war bis dahin „normal“ verlaufen und enthielt auch in der Folge nichts Ungewöhnliches. Ich bin mir nicht klar, ob da jemand auf Grund der AMDP-Definition1 einen Hinweis auf zerfahrenes Denken bekommen hätte.

Dieses wilde, zerfahrene Denken, welches bis zu einem „Wortsalat“ gehen kann, ist heute nur noch selten zu beobachten. Die extreme Ausprägung war sicher unter anderem eine Folge unzureichender Behandlung und jahrzehntelanger Hospitalisierung. Dass man heute Symptome mit Psychopharmaka teilweise unterdrücken kann, dass man viel zur Enthospitalisierung und Resozialisierung der Patienten unternimmt, hat mit Sicherheit zu einem Rückgang extremer Symptome geführt.

Ich glaube nicht, dass wir heute schon eine optimale Therapie für schizophrene Störungen gefunden haben, ich glaube auch, dass wir die Mechanismen dieser Störungen immer noch ungenügend verstehen – aber bizarre, sensationelle Ausprägungen sind seltener geworden.

Viele der psychopathologischen Symptombeschreibungen sind von einem gewissen schwarz-weiß-Denken geprägt und streben nach Eindeutigkeit, so wie wir es bei der AMDP-Definition des zerfahrenen Denkens sehen können. Sie gleichen den veralteten „Regeln“ der Kunstwissenschaft, welche man in ihrer Reinform in so gut wie keinem Kunstwerk wiederfinden kann.
Das Kunstwerk ist so einmalig wie es der einzelne Patient auch ist.

Mein Erlebnis mit der schizophrenen Frau zeigte mir auch keine Zerfahrenheit in Reinform. Sie zeigte mir etwas, was unter anderem auch zu einer starken Zerfahrenheit führen kann: die Veränderung der Assoziationen.

Für uns ist normalerweise die Assoziation „Eltern – Kind“ in einer Weise gefestigt, dass sie in jedem Zusammenhang funktioniert – und natürlich auch vorwärts und rückwärts. Wenn ich einen Menschen nach seinen Eltern frage, würde es mir nicht einfallen, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, sie hätten keine Kinder. Der lebendige Beweis sitzt ja vor mir.

Dieses feste Gewebe von Assoziationen ist aber bei einigen Störungen aufgespalten, so dass es eben nicht mehr in jedem Kontext funktioniert. Die Spaltung der Assoziationen war übrigens einer der Gründe, welche den Psychiater Eugen Bleuler veranlasst hatten, den Begriff „Schizophrenie“ einzuführen.

Eine Aufspaltung der Assoziationen kann sich verschieden äußern. Im Extremfall erleben wir eine Zerfahrenheit, wie in der AMDP beschrieben. Sie zeigt sich aber auch als Wahnwahrnehmung, als Störung logischer Prozesse oder eben auch in einer ungewöhnlichen Frage innerhalb eines gewöhnlichen Gespräches.

Es ist also in jedem Falle sinnvoller zu sehen, was der Patient wirklich ausdrückt, als seine Äußerungen in einzelne Schubladen aufzuspalten, welche inhaltlich nicht miteinander verbunden werden.

Eine Synthese von Krankheiten anhand solcher psychopathologischer Schubladen lässt das Verständnis von Zusammenhängen außen vor.
Für den Medizinstudenten bedeutet das mühevolles Lernen an sich sinnloser Symptomgruppen.
Für den Patienten kann es bedeuten, dass er nicht verstanden wird.

Und übrigens: ein ideenflüchtiger Patient hätte immer gewusst, dass meine Eltern Kinder haben, denn seine Assoziationen sind gelockert, aber nicht aufgespalten.

  1. Siehe vorherigen Beitrag
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