Psychopathologie Teil 4

zerfahrenes Denken

Im Allgemeinen versteht man unter zerfahrenen Denken folgendes:
„Denken und Sprechen des Patienten verlieren für den Untersucher ihren verständlichen Zusammenhang. Im Extremfall sind sie bis in einzelne, scheinbar zufällig durcheinander gewürfelte würfelte Sätze, Satzgruppen oder Gedankenbruchstücke zerrissen.“1

Kunstkritik. Bereits in der Formulierung wird deutlich, dass nur der Untersucher beurteilen kann, was für ihn noch verständlich ist.

Wir hätten aber noch eine andere formale Denkstörung, die ideenflüchtige Variante:
„Vermehrung von Einfällen, die aber nicht mehr von einer Zielvorstellung straff geführt werden. Das Ziel des Denkens kann auf Grund von Assoziationen ständig wechseln oder verloren gehen.“2

Hier muss der Untersucher entscheiden, ob nur das Ziel des Denkens abhanden gekommen ist oder ob wirklich der Zusammenhang des Denkens zerrissen ist. Da bei beiden Denkstörungen häufig das Thema gewechselt wird, ist das mitunter gar nicht so einfach. Und gerade leichte Formen des zerfahrenen Denkens sind so schwer von anderen Erscheinungen zu unterscheiden, dass Psychiater wie Kurt Schneider empfohlen haben, diese nicht mit in die Diagnostik einer Schizophrenie aufzunehmen.

Der Untersucher entscheidet, welche assoziativen Zusammenhänge er noch verstehen kann und welche nicht. Im Zweifel wird die Entscheidung davon abhängen, in welcher Tagesform der Untersucher ist, wie gut er sich konzentrieren kann.

Auch kann ich mir vorstellen, dass ein phantasieloser Untersucher häufiger ein zerfahrenes Denken feststellen wird als ein kreativer, denn dieser wird auch ungewöhnlichen Assoziationen besser folgen können. Mir sind gerade aus der älteren psychiatrischen Literatur Beispiele dafür bekannt, wie subjektiv – um nicht zu sagen: willkürlich – solche Einschätzungen sein können.

So sehr sich die aktuellen psychopathologischen Definitionen auch um Objektivität und Klarheit bemühen, so sehr scheitern sie dabei. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass es niemals „objektiv“ sein kann, wenn ein Mensch die Äußerungen eines anderen Menschen beurteilt. Da hilft es auch nichts, dass das AMDP-System bemüht ist, die Schwere solcher Denkstörungen mit Zahlen zu erfassen.

Ich weiß gar nicht, ob sich die moderne Kunstkritik oder auch die moderne Literaturanalyse auf Definitionen einlassen würde, wie sie für zerfahrenes und ideenflüchtiges Denken festgelegt worden sind. Ich hoffe es nicht, denn gerade in der Sparte der Kunstanalyse gibt es viel bessere Werkzeuge als so primitive Definitionen.

Ich werde im nächsten Beitrag versuchen, meine Erfahrungen aus der Analyse künstlerischer Werke in das Verständnis sogenannter formaler Denkstörungen mit einfließen zu lassen.

  1. Das AMDP-System, Hograefe 2007, Kindle-Edition Position 330-331
  2. Ebenda, Pos. 315-316
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