Die Psychopathologie Teil 3

Zurück zur Kunstkritik

Wenn ich ein Kunstwerk untersuche, untersuche ich immer auch menschliche Kommunikation. Zu einem großen Teil wird die Kunst nach Regeln untersucht, die nicht von Künstlern selbst stammen, sondern von Leuten, welche die Kunst irgendwie versuchen einzuordnen.
So kann man Gedichte nach den traditionellen Maßgaben der Verslehre analysieren, die „Versfüße“ benennen, das Versmaß bestimmen. Auch das Reimschema lässt sich trefflich untersuchen – und hopp: wenn man möchte, ist eine Schublade fertig. Diese traditionellen Methoden sind nicht selten sehr schematisch – das ist etwas, was sie mit der Psychopathologie gemeinsam haben.

Man kann sich allerdings auch von der schematischen Betrachtung lösen, den besonderen, individuellen Rhythmus eines Gedichtes untersuchen und so Rückschlüsse auf die innere Bewegung des Dichters ziehen.
Man kann bei der Analyse Kleistscher Dramen natürlich den Formfaktor des Stabreimes herauslesen und daraus Hinweise für das Sprechen der Texte erhalten. Darüber hinaus kann man gerade in Kleists Dramen lesen, wie schön die Gedanken beim Sprechen verfertigt werden – man kann der Vers nutzen, um dies zu verdeutlichen.
Man kann bei Goethes Faust lesen, wie Figuren vom Knittelvers zum Alexandriner wechseln – an Stellen, wo sie dogmatisch und hart werden. Dieser Wechsel des Rhythmus deutet einen Wechsel der inneren Haltung an.

Ich möchte mir im nächsten Beitrag einmal erlauben, am Beispiel der Zerfahrenheit des Denkens den Unterschied zwischen schematischen psychopathologischen Vorgehen und einem etwas kreativeren Analysieren zu zeigen. Diese Zerfahrenheit des Denkens war etwas, was ich in der Ausbildung nicht gut verstehen konnte – und noch schlechter konnte ich den Unterschied zum ideenflüchtigen Denken begreifen.
Das ist auch – da ist man sich einig – eine schwierige Sache. Und weil ideenflüchtiges Denken bei Manien auftritt und Zerfahrenheit bei Schizophrenien, kommt es da auch schon mal zu falschen Diagnosen und damit verbundener falscher Therapie.

Aber dazu mehr im nächsten Beitrag.

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